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goldene Kerze

Eine goldene Kerze für Thomas Rohde

Geboren am 04.08.1970 in Verden
Gestorben am 01.11.2014 in Oldenburg
Am 07.11.2014 um 20:55 Uhr
wurde von Katja Dornberger eine Kerze entzündet.
Vermutlich schon vor einer Woche starb mein langjähriger ehemaliger Partner und Freund Thomas Rohde aus Bruchhausen-Vilsen.
Thomas wurde nur 44 Jahre alt und starb einsam und allein in seiner Wohnung. Thomas ist ein Opfer dieser Gesellschaft und all der Türen, an die er klopfte und die ihm verschlossen blieben. Thomas wurde den einmal erhaltenen Stempel - wie fast alle anderen Suchtkranken auch - nicht mehr los.
Ich bin traurig und erschüttert.

"Washing Of The Water" (Peter Gabriel)

River, river carry me on
Living river carry me on
River, river carry me on
To the place where I come from

So deep, so wide, will you take me on your back for a ride
If I should fall, would you swallow me deep inside
River, show me how to float
I feel like I'm sinking down
Thought that I could get along
But here in this water
My feet won't touch the ground
I need something to turn myself around

Going away, away towards the sea
River deep, can you lift up and carry me
Oh roll on though the heartland
'Til the sun has left the sky
River, river carry me high
'Til the washing of the water make it all alright
Let your waters reach me like she reached me tonight
Letting go, it's so hard
The way it's hurting now
To get this love untied
So tough to stay with thing
'Cause if I follow through
I face what I denied

I get those hooks out of me
And I take out the hooks that I sunk deep in your side
Kill that fear of emptiness, loneliness I hide

River, oh river, river running deep
Bring me something that will let me get to sleep

In the washing of the water will you take it all away
Bring me something to take this pain away

Sein Lieblingszitat war: "Jetzt! Alles andere ist ein verpasster Moment." - So schade, dass er das Licht am Tunnel nicht mehr erreicht hat.

Wir sehen uns irgendwann wieder, mein Freund. Bye - Tom...

Deine Sonne

Für alle die, die ihn kannten oder auch nur gern einmal erahnen möchten, wie es in ihm aussah, wie er fühlte, dachte, was er sehnte und erträumte, hoffte und liebte, hier eine Playlist für ihn: http://www.youtube.com/playlist?list=PLdDvkkRWwRcATws2cK4FRSm5jFXD1hnDR


Den Sehenden die Sucht - von Thomas Rohde

Entsetzt von der Notwendigkeit Knechtung zu ertragen
Erstickt der Mensch im engen Kreis
verliert die Seele - alles vage

Wer weite Kreise ziehen will
wer sich Welten neu erschließt
dem schießen bald die Tränen ins alternde Gesicht

Der Schmerz, er rollt in Wellen
immer neu heran -
jetzt da Vergängnis greift
nichts übrig bleibt vom königlichen Mahl

Und immer wieder will die Seele
sich aus der Fessel lösen
wer band sie nur? Denn: ich war's nicht.
Wenn Du's nicht warst - wer kann sie lösen?

Der Schmerz, er rollt in Wellen immer neu heran
den Eitlen droht die Eitelkeit -
den Sehnenden die Sucht.

September 2014



Mein lieber Tom;

Seit 14 Tagen bist Du nun nicht mehr da. Bis heute haben sie sich weder telefonisch gemeldet noch schriftlich. Wie Du die letzten 8 Jahre gelebt hast, wer Du warst, was Du gemocht, geliebt hast, wie Du gelebt hast. All das interessiert sie nicht. Deine zum Schluss nur noch typische „Junkie-Bude“ haben sie nie betreten, geschweige denn leergeräumt oder sich darum gekümmert, dass in oder vor Deiner Wohnung sauber gemacht wird. Nein. Das alles musste der Vermieter machen. Das alles mussten wir hier aushalten und ertragen. Auch ein Andenken an Dich, ein Erinnerungsstück wollten sie nicht. Das alles hätte ja bedeutet, sich den Spiegel vor zu halten. Die eigene Schuld und das eigene Versagen zu konfrontieren.

Du warst nur gut dafür, die Schläge, die Prügel zu kassieren. Den Frust über berufliches Versagen oder die eigenen Ängste und Unzulänglichkeiten zu kassieren. Und Dir Sätze anzuhören wie: „Aus Dir wird sowieso nichts.“ „Du kannst das sowieso nicht.“ „Egal, wie sehr Du Dich auch anstrengst, besser als ich wirst Du eh nicht.“ Selbst den Stock, mit dem Du verprügelst wurdest als kleiner Junge musstest Du Dir selbst im Wald aussuchen. Und so sehr Du auch gehofft hast, dass die Tür noch aufgeschlossen wird vom Dachboden, dass Dich endlich jemand holt und Dir hilft, Dich in den Arm nimmt und Dir sagt: „Ich hab Dich lieb, Thomas und ich stehe Dir jetzt bei und helfe Dir!“ – sie blieb verschlossen. Dafür wurde das Radio aufgedreht und gekocht, damit Deine verzweifelten Schreie und das Weinen nicht gehört werden.

Und doch bist Du wieder und wieder und wieder zurück. Hast bis zum Schluss noch vor wenigen Wochen vor ihrer Tür gestanden und wie ein geprügelter Hund um Einlass gewinselt. Darüber haben sie sich das Maul zerrissen. Wie Du betrunken und verzweifelt am Kreisel gehockt hast und Dich gefühlt haben musst, wie der einsamste Mensch auf der Welt. Aber mitgenommen und sich um Dich gekümmert hat keiner. Niemand hat Dich gefragt, was eigentlich los ist. Warum auch. Auch das hätte nur bedeutet, sich den Spiegel vorzuhalten und die eigene Mitschuld, die eigene Ignoranz und Untätigkeit, eben das eigene Versagen jedes Anstands und jeder Moral einzugestehen. – Nein, nun schnell den Deckel drauf und das Loch zu gemacht, damit wir wieder zur Tagesordnung übergehen können. „Heile heile Gänschen.“

Ob jemand, der Dich wirklich kannte und liebte, zu Deiner Beerdigung kommen darf? – Nein. Dort werden nun die stehen, die die Schuld an der Verkrüppelung Deiner Seele tragen. Die ursächlich dafür sind, dass Du Deinem Leben selbst ein Ende gesetzt hast. Die dürfen „Abschied nehmen.“ Die Menschen hier, die geweint haben, sich Sorgen gemacht haben, sich um Dich kümmerten und noch für Dich da waren, als Du noch Hilfe gefordert hast, dürfen sich nicht von Dir verabschieden. Die, die wirklich geschockt sind und die Tragödie direkt miterleben mussten, stehen nun mit ihrer Trauer alleine da. Die dürfen nicht einmal zu Deinem Begräbnis. „Nur in engstem Familienkreis.“ Die, die wirklich trauern, weinen und Dich vermissen, erfahren nicht einmal das Wann oder das Wo.

Und doch: ich bin auch wütend auf Dich, Tom. Du hast mir nicht vertraut. Nicht einmal. Du weißt, ich habe erst vor 4 Monaten erfahren, dass Deine Mutter doch noch lebte. Mir selbst hast Du sie einfach tot geredet. Im wahrsten Wortsinn. Hast mir immer erzählt, sie sei schon vor 7 Jahren gestorben. So sehr hast Du Dich für Deine Herkunft, Deine Geschichte und Deine Familie geschämt. Und mir damit die Möglichkeit genommen, Dir wirklich zu helfen. Dir WIRKLICH zuhören zu können. Ich weiß, ich hätte vieles längst anders gemacht und nicht nur bei Ärzten, der Drogenberatung, der Ärztekammer und wer weiß wo noch versucht, endlich Hilfe für Dich zu bekommen. Vielleicht könntest Du dann heute noch da sein und auch wir wären nicht sprachlos, traurig, verzweifelt und voller Groll auseinander gegangen.

Unser letztes Gespräch endete mit: „Thomas, ich bin gern bereit Dir zu zuhören. Schreib mir aus Therapie oder ruf mich an von dort, dann höre ich Dir gern wieder zu. So hat es keinen Sinn. So bist Du in einer anderen Welt.“ – Du sagtest: „Dann also nie mehr.“ und gingst. – Ich habe das nicht ernst genommen. Ich bezog es darauf, dass Du meintest, bis das mit der Therapie endlich klappt, könnte ich vielleicht weg gezogen sein. Hätte ich geahnt, dass Du am 14. schon wusstest, dass Du Dir am 31.10. eine Überdosis geben würdest…hätte…hätte…hätte…

Du hast mit 18 Jahren und mit einer Schlinge um den Hals Deine „Heimat“ verlassen. Diese Schlinge hat sich nun zugezogen. Diese Schlinge hat dazu geführt, dass Du nie Du selbst sein konntest. Jedem Menschen, den Du geliebt hast, hast Du immer nur Ausschnitte gezeigt. Du hast Geschichten erfunden, hast wieder und wieder gelogen und damit vielen Menschen vor den Kopf gestoßen. Doch jeder, der sich jetzt einmal die Mühe macht, hinzusehen, der kann begreifen, dass Du aus lauter Angst vor Verlust, aus innerer Not heraus, nicht gemocht zu werden, abgelehnt zu werden, Kritik zu erfahren gelogen hast. Du hast ja auch schon als Kind die Erfahrung gemacht, dass es in Deinem Leben keine Rolle spielt, ob Du die Wahrheit gesagt oder gelogen hast, denn die Prügel, die Erniedrigung und die absolute menschliche Entwertung kam so oder so. – Ich habe das so nie gewusst, Tom. Nicht geahnt, wie groß Deine Not war. Wie klein Du noch in Deiner Seele warst. Und selbst wenn ich es hätte, ich hätte den Schmerz in Dir nicht lindern können.

Niemand konnte das.

Das, was so notwendig ist, um als kleiner Mensch zu gedeihen: Liebe, Vertrauen und Respekt, hast Du einfach nicht bekommen. Und warst später nicht in der Lage, es Dir selbst zu geben. Also hast Du es Dir gedrückt, geschluckt oder getrunken. Leider nur ist diese „chemische Wärme“ ebenso tot bringend wie die „Liebe“, die Du als Kind erfahren hast.

Ich möchte Dir gern sagen, dass es hier Menschen gab, die Dich wirklich geliebt haben. Die nun wirklich trauern. Die um Dich geweint haben. Und wenn viele Türen verschlossen blieben, dann deshalb, weil so viele dahinter sich selbst und ihre eigene Geschichte voller Leid und kindlicher Not in Dir gesehen haben. Du warst ein Spiegel für uns alle und unser eigenes Versagen in der Gesellschaft.

Eine Gesellschaft, die weg sieht, wenn Kinder verzweifeln, leiden, missbraucht und misshandelt werden. Wenn Frauen geschlagen oder gar vergewaltigt werden; vom eigenen Partner, vom Ehemann. Vom eigenen Sohn. Eine Gesellschaft, die nichts anderes mehr tut, als zu konsumieren: Klamotten, aus Billiglohnländern, Fleisch und Essen, von ebenfalls misshandelten Kreaturen, Sex, Alkohol, Tabletten gegen dies und Pillen gegen das. Aber die Dich mit abschätzendem Blick links liegen ließ, weil Du eben „nur ein Junkie“ warst. Und die erst Recht mit abschätzendem Blick weg sieht, wenn die sensiblen und empfindsamen Menschen dieser Gesellschaft das alles nicht mehr ertragen und sich betäuben mit Rausch. Eine Gesellschaft, die zwar Doping toleriert, Alkohol-Werbung und käuflichen Sex, die die Opfer von Sucht und Drogen aber ausschließt. Wegschließt. In Knäste und Landeskrankenhäuser am Rande der Stadt. Eine verlogene Gesellschaft voller Doppelmoral.

Wir haben oft über die Kälte in diesem Land gesprochen und hatten mal vor Jahren einen gemeinsamen Traum vom Auswandern. In ein Land, in dem die Menschen noch „Guten Tag, wie geht es Dir?“ sagen und auch wirklich wissen wollen, wie es Dir geht. In ein Land, in dem Nachbarschaft noch etwas bedeutet. In dem Freundschaft noch wirklich etwas bedeutet.

Ob Du dort glücklich geworden wärst? Vermutlich nicht. Denn Du hattest diese Schlinge um Deinen Hals. Es gab nur einen einzigen Weg, sie abzulegen und zu überleben: die Wahrheit. Den Sprung ins kalte Wasser und der Versuch, EIN EINZIGES MAL nur zu vertrauen. Es zu versuchen. Du hättest einmal reinen Tisch machen müssen. Dich jemandem, der Dich geliebt hat, anvertrauen müssen.
Die innere Scham, die Du hattest, die Angst, dann niemals Liebe und Vergebung von denen zu erfahren, die sie Dir hätten geben müssen, war größer als Dein Wunsch zu leben. Und das Wissen darum bricht mir das Herz. Schlimm muss es für Dich gewesen sein zu sehen, dass es auch anders ging. Das Vergebung und Aussprache anders wo möglich war nur für Dich nicht. Es war manches Mal so, als seist Du an einem Freitag, d. 13. geboren. So vieles lief auch schief. So vieles ging in bürokratischer Kälte verloren, wurde auf später verschoben. So viele waren für Dich nicht zuständig oder vertrösteten Dich auf später. Nun gibt es kein später mehr.

Ich bin froh, Dich kennen gelernt zu haben. Vor allem bin ich froh, das Beste in Dir erlebt zu haben. Die Facetten, die alle in Dir waren, als Du klar und nüchtern durch die Farben dieser Welt gelaufen bist, als Du noch Träume hattest, gesund warst, gelacht hast. In dieser Zeit hast Du eine Spur in mein Herz gezeichnet, die bleibt und die auch nicht von dem, was nun passiert und von denen, die Dich nun einfach nur heimlich still und leise zu Grabe tragen wollen, ausgelöscht werden kann.

Deine letzten Worte waren: „Ich freue mich auf Reue.“ – Nun, ich bereue nicht. Ich bedauere. Dein fehlendes Vertrauen wird mich nun den Rest meiner Reise hier begleiten und schmerzen. Aber ich hege keinen Groll mehr gegen Dich. Denn ich verstehe Deine Not.

Ob die, die Du meinst, nun Reue in ihrem Herzen spüren? – Ich hoffe es. Ich wünsche Ihnen so sehr, dass diese Reue sie auffrisst und sie tagein, tagaus daran erinnert, was für einen wunderbaren Menschen sie verpasst haben, verkrüppelt haben, ignoriert und fallen lassen haben.
Ich wünschte, Du hättest es einmal versucht. Ich wünschte…ich wünschte…
„Die Zerbrechlichkeit von Kristall ist keine Schwäche – sondern Feinheit.“

Ich hoffe, Du hast nun wirklichen Frieden und wirkliche Liebe.
R.I.P. Tom.
Ein Geschenk von: Oliver Schmid
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anke am 07.11.2014Eintrag melden
mein aufrichtiges Beileid...ja diese Gesellschaft bewirkt leider so einiges, vor einigen Wochen fand ich auch einen Nachbarn von mir....da war er auch schon mindestens eine Woche nicht mehr am Leben....und ihn hatte niemand vermisst....wirklich traurig, wenn man weiß das diese Person einsam und alleine seinen letzten Atemzug gemacht hat ....

Bilder zur Kerze für Thomas Rohde:

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